Ein richtiges Ergebnis reicht nicht

Was eine gute Jura-Klausur wirklich ausmacht

Du kommst in einer Klausur zum richtigen Ergebnis.

Anspruch entstanden. Vertrag unwirksam. Täter strafbar. Maßnahme rechtswidrig.

Also müsste es doch Punkte geben, oder?

Nicht unbedingt.

Denn in einer juristischen Klausur wird nicht nur bewertet, zu welchem Ergebnis du kommst, sondern vor allem, wie du dort hingekommen bist.

Und genau hier liegt ein Unterschied, der beim Klausurenschreiben enorm wichtig ist: die interne und externe Rechtfertigung deiner Lösung.

1. Interne Rechtfertigung: Ist deine Schlussfolgerung logisch?

Bei der internen Rechtfertigung geht es vereinfacht gesagt darum, ob dein Ergebnis logisch aus deinen zuvor aufgestellten Annahmen folgt.

Ein simples Beispiel:

Eine Willenserklärung setzt einen objektiven und einen subjektiven Tatbestand voraus.

Beides liegt vor.

Also liegt eine Willenserklärung vor.

Die Schlussfolgerung funktioniert.

Das klingt selbstverständlich – wird in Klausuren aber schnell zum Problem, wenn Prüfungsschritte übersprungen werden oder plötzlich Ergebnisse auftauchen, die vorher gar nicht sauber hergeleitet wurden.

Deine Klausur sollte deshalb wie eine nachvollziehbare Argumentationskette funktionieren.

Der Korrektor sollte jederzeit verstehen können:

Warum kommst du jetzt genau zu diesem Ergebnis?

2. Externe Rechtfertigung: Stimmen deine Ausgangspunkte überhaupt?

Und hier wird es besonders spannend.

Denn eine Argumentation kann vollkommen logisch sein und trotzdem zu einer juristisch falschen Lösung führen.

Warum?

Weil bereits deine Ausgangsannahme falsch sein kann.

Genau darum geht es bei der externen Rechtfertigung.

Du musst dich beispielsweise fragen:

Habe ich die richtige Norm gefunden?

Habe ich sie richtig ausgelegt?

Habe ich den Sachverhalt vollständig erfasst?

Ist meine Definition richtig?

Kann ich meine Wertung überzeugend begründen?

Nehmen wir an, du subsumierst einen Sachverhalt perfekt unter eine Definition.

Wenn deine Definition aber schon nicht stimmt, hilft dir auch die logisch perfekte Subsumtion nicht weiter.

Deshalb reicht es nicht, Schemata einfach auswendig zu können und anschließend Punkt für Punkt abzuarbeiten.

Gute Klausuren zeigen nicht nur WAS – sondern WARUM

Genau deshalb ist juristische Fallbearbeitung mehr als Wissensabfrage.

Du musst Normen finden, sie verstehen, den Sachverhalt richtig erfassen, relevante Probleme erkennen, argumentieren und daraus eine nachvollziehbare Lösung entwickeln.

Das bedeutet auch:

Mehr Wissen führt nicht automatisch zu besseren Klausuren.

Du kannst unglaublich viele Definitionen und Meinungsstreitigkeiten kennen und trotzdem Schwierigkeiten beim Klausurenschreiben haben.

Andersherum kannst du auf einen unbekannten Fall treffen und trotzdem eine starke Bearbeitung schreiben, wenn du gelernt hast, juristisch sauber zu arbeiten und zu argumentieren.

Stell dir beim Schreiben zwei Fragen

Wenn du deine nächste Übungsklausur schreibst oder korrigierst zurückbekommst, schau deshalb nicht nur auf das Endergebnis.

Frag dich immer wieder:

1. Folgt mein Ergebnis logisch aus dem, was ich vorher geschrieben habe?

und:

2. Habe ich ausreichend begründet, warum meine Ausgangsannahmen richtig sind?

Gerade an problematischen Stellen sollte dein Ergebnis nicht einfach im Text erscheinen.

Es muss erarbeitet werden.

Denn eine gute juristische Klausur sagt nicht nur:

„Das ist die Lösung.“

Sie zeigt:

„Das ist die Lösung – und deshalb.“

Und genau diese Fähigkeit lässt sich trainieren.

– Angie | LawVersity